Montag, 2. März 2015

Los! Lassen!


Das Leben in kleinen Boxen aufgeben, die to-do-List kompostieren. Den fremden Geschichten nicht mehr trauen, nur den eigenen Worten. Los! Lassen!
Es gibt nur das Jetzt, alles andere ist Zeitenrausch. Der Zartheit trauen, der Zerbrechlichkeit, dem eigenen Takt. Das Herz suchen gehen, in all diesem Alltag. Ohne Hohn und Spott fragen, was wir sind. Ich bin gerade noch jung und doch schon alt. Oder war es umgekehrt?
Ich will mich vergessen, ohne jede Bitterkeit. Den Blick nicht mehr im Morgen, der eigenen Sprache vertraut. Und: Los! Lassen!
Denn alles ist jetzt, wenn wir schauen. Alle Seriösität, alle Ernsthaftigkeit, alle Seifenblasen auf dem Weg zu einem Himmel, den es so nie gegen wird. Denn die Sterne liegen auf der Straße. Den Blick zur Erde und die Füße fest am Boden, so geht Leben.
Und dabei die Ahnung, dass da doch was andres sein wird, in uns und nicht im Anderswo. Die Welt kann so viel, wenn man ihr einmal glaubt.

Den Stumpfsinn nicht länger anerkennen und sich die Geister nicht mehr rauben lassen. Diese Zeit, sie kann kaum weitergehen und wird es doch. Denn die Diktate brennen hell in den Blättern dieser Tage. Alles kann immer, Wachstum unbegrenzt. Es kriegt, wer will. Anders denken geht nicht mehr. Die Ratten sind schon lang fort. Ihnen nach! Los! Lassen! Der Zartheit trauen, der Zerbrechlichkeit, dem eigenen Takt. Das Herz suchen gehen, in all diesem Alltag. Und ohne Hohn und Spott fragen, was wir sind.

Dienstag, 26. Februar 2013

Langsam


Vielleicht sind die langsamen Lieben die besseren, wer weiß. Die, die nicht wie Strohfeuer in einem einzigen Wusch abbrennen oder wie Feuerwerk mit einem einzigen Bumm verknallen.
Vielleicht sind die Lieben die besseren, die uns langsam erwärmen.
New York, du gewinnst mich nur langsam. Weil du so laut bist, ist es oft schwer dir zuzuhören. Zuviel Bumm und zu viel Tam, zu viel Taram, zu viel Taramtamtam.
„Do you like comedy shows? Comedy shows! Comedy shows! Comedy shows!“, brüllst du einem jeden ins Ohr, der über den Times Square rennt. Und doch, ist man einmal dort, muss man nirgends mehr hin um die eigentliche Show zu sehen. Dein Zentrum ist Dollarzirkus und Kommerzbasar. Hier jonglieren alle mit Absatz und Gewinn und kaum einer der eiligen Besucher merkt, dass er nicht kommt um die große Show zu sehen, sondern um selbst die große Show zu sein. In der bunten Zuckbildwelt holen alle das Geldbörsl wieder und wieder hervor bis irgendwann der Vorhang fällt und die Kasse lautstark applaudiert.



New York, du gefällst mir besser, wenn du leise bist, unerwartet zart und zeitstillstehend. Und dabei doch aus ganzem Herz bei dir.
Du gefällst mir dort, wo noch jemand deine Träume sucht, in Schattenbars und Seitenparks, am Wasser und am Wegesrand. Du gefällst mir dort unfassbar wo Poeten Worte leise zupfen als wären sie über die Rippenbögen aufgespannte Seiten. 
Du erzeugst dort ehrfürchtiges Staunen wo sich deine Hand mit Leuchtfeuer himmelwärts streckt. So viel Schicksal und so viel Mut hast du schon gesehen.
Du gefällst mir dort, wo kleine Tierchen Nüsse knacken, dabei so gar nichts ahnen wollen vom ach so großen Weltenlauf und alles Notwendige in einer Schale finden.
Du gefällst mir dort, wo Fischköpfe aus Halmen ragen und sich mit Glaskathedralen im Schatten messen.
Du gefällst mir dort, wo deine Stundenblumen blühen und doch alles stillsteht, wo keine Zeit gestohlen werden kann, weil alle aufbrechen und ankommen.


Wer hier nicht ankommt, wird gebrochen. Wer hier ist, muss sich auf den Weg machen. Stillstand ist nicht. Die Stadt bleibt unerbittlich und erschüttert alles was sie kann, am liebsten U-Bahnstationen, Drahtbrücken und Neuankömmlinge. Die Vibrationen massieren fast schon zärtlich alle Ecken des Gehirns und flüstern dabei unaufhörlich Neuanfang. Hier ist alles Zukunft und Projekt, hier macht man sich noch selbst oder träumt zumindest aufrichtig davon. 
Wer nach New York kommt, macht sich auf den Weg. Stillstand ist nicht. Obwohl der Wind alle Pläne zerfetzt, die Weite Füße müde macht und die U-Bahn schrill im Ohr schreit, geht es immer weiter, denn diese Stadt ist aus Zukunft gemacht.



New York, du gewinnst mich nur langsam. Du stellst Fragen, die an Herz und Hirn rütteln, nimmst mich an deine klebrige Hand und zeigst mir was Leben sein kann, wie man tief fällt und hoch hinaufkommt. Du zeigst mir Horizonte an denen Flugzeuge wie Glühwürmchen durch die Nacht surren. Du zeigst mir Häuserschluchten mit Gewusel und viel diesseitige Sekundenwelt. 
Du zeigst mir Aktienkurse im Herzschlagrhythmus an der Häuserwand und viel Kaffee in Styropor. Du zeigst mir hungrige Ratten nach Mitternacht und Plastiksackerl in nie gedachter Dimension, die nächtens als knisternde Vögel in Baumwipfeln den Flug versuchen.
Deine trockene Winterluft  macht mich durstig, genauso wie dein Widersinn.



Vielleicht sind die widerspenstigen Lieben die besseren. Wer weiß. Die, deren Licht nächtliches Leuchtfeuer ist und von einer Zukunft berichtet die es so nicht geben kann. Vielleicht sind die Lieben die besseren, die sich selbst in Versuch und Alltag widersprechen und doch nie aufhören an sich zu glauben.

Mittwoch, 6. Februar 2013

Metropolis

 "Meine Damen, meine Herren, willkommen in New York!" So heißt uns die Chefstewardess des Aua-Flugs O87 aufgeweckt in Metropolis willkommen. Angekommen und willkommen in New York. Zwei Plätze neben mir sitzt ein kleines Mädchen, das aufgeregt an seinem Sicherheitsgurt zupft. Sie kann es wohl kaum erwarten aufzuspringen und aus dem Flieger zu kommen. Zuvor, beim Landeanflug, als man gerade die Freiheitsstatue sehen konnte, rief sie noch ganz aufgeregt: "Die Leute, die da wohnen, die haben es guuut!". Beim Gedanken daran muss ich schmunzeln. Ja, vielleicht. Vielleicht. Vielleicht, war es die flugzeugfenstergerahmte und doch alles sprengende Größe der Stadt, die das Mädchen dazu veranlasste mit ihrem Enthusiasmus grinsend herauszuplatzen. Wer so viel Platz hat, der hat es wohl gut.


Willkommen. Angekommen, in Astoria/Queens. Die Häuser sind erstaunlich flach, der Himmel breit zu sehen. Es fühlt sich echt an, aus jedem zweiten Kanaldeckel dampft es, an jeder dritten Ecke gibt es Gemüse und Obst aus aller Welt zu kaufen. Die ganze Nachbarschaft ist Marktplatz. Italien, Griechenland, Frankreich, alles hat hier auf wenigen Quadratkilometern Platz und wird neben Zellulose und Fruchtzucker auch in Form von Käsen, Joghurts und Gebäck feilgeboten. Die Bilder im Kopf drehen sich wild, mein New York der ersten Tage kratzt an keinen Wolken und glitzert kaum. 



Mit dem Zug geht es in die Stadt. Alles fängt an zu vibrieren sobald man sich auf den Weg macht. Wenig ist hier stabil, auch nicht die U-Bahnstationen. Sobald ein Zug einfährt, bebt der Beton und die Decke zittert. Es fühlt sich an als könnte sich jeden Moment der Boden unter einem öffnen oder als könnte jederzeit Godzilla mit donnerndem Schritt ums Eck biegen. New York surrt und rattert, New York zittert und hüpft.
Festhalten, Augen aufmachen und sich einsaugen lassen. Metropolis öffnet die Schleusen und lässt geduldig alle Mutigen in ihre Straßen strömen.


Wer nach New York kommt lernt das Staunen, wenn er es noch nicht kann. Nach wenigen Stunden schmerzt das Kiefer, der Mund ist nicht zuzukriegen. Kaum klettert man die U-Bahnstation empor reißt der Mund auf, die Augen rollen nach oben und bleiben fast stecken. Das ist Metropolis, das ist der Welten Zentrum! Das ist die Superlative, das Rufzeichen, der Höhepunkt. 

Sobald das Staunen zwischen den Backen gezähmt ist, hat auch Zucker platz. Am Super-Bowl-Sonntag  in einer Sportbar. Um mich herum vertraute Gesichter. Der Zufall hat in New York Langzeitaufenthalt, das lerne ich bald.

Beim Super Bowl ist der Ball nicht rund und das Spiel dauert auch keine neunzig Minuten. Vielmehr dauert es unüblich viele Stunden. Schuld daran ist unter anderem auch ein Stromausfall im Stadium vor Ort. Männer mit Tarnfarbe im Gesicht, Plastik im Mund und Polyester über Hüften und Schenkeln starren testosterongeladen in die Kameras, Coaches kauen augenrollend auf Schreibuntensilien.

Irgendwann geht das Spiel wieder weiter und Baltimore gewinnt ganz knapp. In der Bar fließt Bier, mir kleben die Augen zusammen. 
Metropolis fordert seinen Tribut und so kommt der Abschied von meiner freudig begrüßten Landsfrau im Empire State, Sabrina, viel zu früh und doch gerade rechtzeitig um die U-Bahn wach zu verlassen und wild träumend nicht ins Bett, sondern die Ausziehcouch zu fallen, die in Astoria neben einem dampfenden und surrenden Heizkörper auf mich wartet. Auch zwischen vier Wänden ist die Stadt nicht still. 



Das Staunen wird mit keinem Tag weniger. Und es bleibt nicht mehr zu tun als den Hals zu recken und dabei den Kopf zu drehen. Wie kann das Enorme in der Masse wachsen? Wie viele Menschen braucht es um einen Wolkenturm zu bauen? Wie lang fühlt man sich beim Anblick dieser Betonberge klein? Und wie groß muss der Mut sein, den man braucht um sich diese Stadt zu erobern, denn sie verschenkt sich nicht leichtfertig, so viel ist bald klar.


New York verschenkt sich nicht, aber es verzaubert immer wieder mit Anmut und Grandesse. Es zieht mancherorts den Hut mit Eleganz und schafft trotz seiner Größe leichtfüßig hopsend den Zeitensprung von anno dazumal zu gerade jetzt. 




Downtown beeindruckt, überwältigt. Wie groß geht es? Größer als alles sonst. Es ist nicht zu fassen. Hier ist alles apokalyptisch und dekadent, mundaufreißerisch und staunendmachend. Downtown blitzt und glitzert, glänzt und funkelt. Die herausgeputzten Fassaden grinsen einander zu, zwinkern neckisch und scheinen sich nach jedem Dollarschein zu bücken, der in den Brieftaschen der Passanten vorbeitanzt. Diese Stadt ist süßer Wahnsinn zum Quadrat, Inszenierung an jeder Ecke.




Hier muss man sich erst suchen um diese Stadt verstehen zu können. Denn sie schenkt sich einem nicht. Sie ist widerspenstig und kampflustig. Sie boxt einem in der U-Bahn in die Rippen, tritt einem am Gehsteig auf die Zehen und zieht einem im nächsten unachtsamen Moment ganz einfach den Boden unter den Füßen weg. New York bleibt nur den Wackern und denen, die dabei sind es zu werden.

Meine Damen, meine Herren, willkommen in New York!

Montag, 10. Oktober 2011

Seelenspeck




Herbst. Vor der Tür und in den Knochen. Es ist kalt geworden, der Sommer ist hinterm Horizont verschwunden. Abgetaucht - leise und klammheimlich. Auf einmal ist er da, Herr Herbst. Er klopft an, tritt ein, verschafft sich Platz. Mit Fadenregen, Westwind und Blattsalat. Regenschirme müssen sich ihm beugen, Menschen geduldig mit ihm sein, sich ihm langsam nähern. Denn er ist unberechenbar, ungestüm und rau. Ein Eigenbrötler. Doch kann schön sein. Wenn er will, macht er denn Himmel kobaltblau, lockt zärtlich Chlorophyll in seine Arme und lässt die Augen im Farbenrausch taumeln.


Wenn man die Hand glücklich ausstreckt, reicht einem Herr Herbst mitunter matten Sonnenschein. Die Augen müssen sich dann senken. Schön Sie wiederzusehen, Herr Herbst. Es ist schon lange her. Fast hätte ich vergessen, wie charmant Sie sein können. Und wie elegant. Ganz von Welt. Da wird alles wird rot. Die Blätter und Wangen im Wind. Der Wein im Glas, die Sonne am Horizont. Mit der Röte kommt die Müdigkeit. Der Sommer ist hier lang gewesen. Dann hat er sich leise davon gestohlen. Ohne sich zu verabschieden. Einige Momente hat er da gelassen. Es sind Geschenke, dicke Bücher, darin fette Sätze. Dieser Sommer war schön, steht da. Alles war prall, alles hat gebrannt. Die Sonne auf der Haut, die Lust auf Leben, die Neugier auf morgen.Der Sommer hat mich gut genährt. Erinnerungen sind zu Seelenspeck geworden.

Wegzehrung für die dunkle Zeit. Seelenspeck macht die Haut dicker und füttert Hirn und Herz.

Im Winter wird er aufgeschnitten. In dünne Scheibchen. Dann in den Mund gestopft. Er wird satt machen, dieser Seelenspeck, denn dieser Sommer, er war gut und nicht nur fett.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Heiß und fettig


Wieder einmal das Alpenland verlassen, ihm den Rücken kehren. Die Berge gegen flache Fläche tauschen.

Brüssel, die Stadt überrascht mich. Ganz unerwartet ist sie bunt. Einfach um die Ecke schauen und die Farben knallen. Die Sonne lässt schwitzen. Bis an die dreißig Grad. Heiß und fettig. Meine Stirn und die Frites glänzen im grellen Licht. Herrlich heiß!


Wir gehen dort hin, wo Schnecken angeblich schmecken. Eierschwammerlfarbene kleine Gummibällchen sind unrund im Mund. Langsam kriecht das Fleisch den Schlund hinunter. Schnecken kann man nur langsam essen. Schnell vergessen!

Dafür umspült der Kirschsaft mit Malz die Zunge wohlig. Süßer Schaum bleibt auf den Lippen kleben. Fett und Kartoffeln eilen hinterher. Eifrig schlucken. Noch mehr!

Und nachher Träume aus Schokolade bauen. Damit sie in der Hitze schmelzen können oder im Mund verschwinden. Die Stadt steht auf festen Fetten und Cholesterin. Alles was schmeckt, verkauft sich hier an jeder Ecke. Und das in rauen Mengen.

Nicht überall gibt es dafür die vermissten Freunde. Die verstecken sich besser. Zum Beisspiel in Saint-Gilles, dem Viertel mit historischem Tor. Oder auch zwischen zwielichtigen Ecken beim gare du nord. Dahin müssen die Füße geduldig laufen.

Vorbei an den kleinen Geheimnissen der Stadt, die zwischen Häuserwänden und über Pflastersteinen wachsen. Wenn die Sonne weg ist, bleiben die Steine warm und heizen die Luft. Draußen sitzen bleiben und sich mit der Stadt und ihren Menschen unterhalten. Brüssel ist so leicht. Wie hab ich das vermisst. Brüssel, ich habe dich vermisst, ohne dich gekannt zu haben. Die knallende Sonne, das Scheppern von Besteck und Tellern, Gläsern am späten Abend unter freiem Himmel. Metropole, ganz entspannt. Die Lebenskunst hat es sich hier bequem gemacht. Sie sitzt gelassen an der Ecke im Freiluftcafe und bestellt sich Bier.

Belgien kann langsam und verschlafen sein. Schon allein das Kopfsteinpflaster hindert am Hasten. Wer zu schnell läuft, schlägt sich die Knie auf. Auf den Weg achten, das ist die Devise. Trotzdem geht es sich hier leicht. Die Füße fliegen über ungerade Pfade.

Im Gehen den Blick heben und Geschichte sehen. Die ragt in Belgien stolz in den Himmel. Türme sind beliebt. Drachen und Wetterhähne auch. Und: Ein Belfried für jede Stadt! Früher der stolz eines jeden Marktes, heute werden Touristen hinauf geschickt, um sich in engen Stiegen zu winden und später taumelnd und sprachlos nach unten zu blicken.

Auch am Boden kann man taumeln. Leicht. Die Blütenblätter fliegen durch die Luft. Organisches Konfetti. Ein paar Käfer sind auch dabei. Die kitzeln überall, lassen die Haut kribbeln. Lachen: ganz laut. Schließlich sind wir heute Kinder. Entdecken alles neu in dieser Stadt: Tournai, du gefällst uns.

Die verträumte Stadt lässt uns albern werden. Grimassen schneiden und Arme verrenken. Junge aus Metall und Mädchen aus Fleisch sitzen da in Eintracht, gleichen sich nicht ganz. Und sind trotzdem gemeinsam. Nur kann die eine wieder gehen. Der andere bleibt und wartet auf andere, die den Moment plötzlich ganz leicht nehmen. Käfer regnen lassen und gegossenen Gestalten gleichen wollen.
Die Leichtigkeit trägt uns. Weiter. Bis nach Frankreich. Julia wünscht sich eine große Zukunft und ein Eis. Wir gehen weiter. Der Löwenzahn fliegt. Die Wünsche hat er mitgenommen. Später bekommt Julia ihr Eis. Es schmeckt nach Feigen und macht die Zunge violett. Violette Zunge am Grand Place in Lille. Und daneben ich mit einem großen Stück Torte. Mit den Fingern in die Creme fahren und sie ablecken. Tarte tropezienne. Dicke Zuckertropfen, süße Buttercreme und Biscuit.



Auch in Lille ist die Geschichte groß. Charles de Gaulle wurde hier geboren. In seinem Haus ist es heute stickig. Staub hängt in der Luft. Wir gehen durch Räume mit schweren Vorhängen und dunklem Mobiliar. Ans Ohr gedrückt halten wir Apparate, die Geschichte erzählen. Dazwischen gibt es klassische Musik. Die begeisterte Frauenstimme schwatzt ununterbrochen während ich schon wieder vergesse. Ich sehe das Bett von de Gaulles Eltern, den Hausaltar seiner Großmutter und seine Schulzeugnisse. Das Bett ist klein, der Hausalter farbenfroh und de Gaulles Schulzeugnisse wenig beeindruckend. Nachdem die entzückte Stimme verstummt ist und keine Musik mehr zu hören ist, setzen wir uns auf Stühle im Innenhof und saugen die schwere Luft ein. Es ist schwül und still. Dieser Ort scheint vom großen Weltenlauf so weit entfernt zu sein. Wie eigenartig. Wurde doch hier ein großer Mann geboren.

In Lille blühen Blumen. Vergissmeinnicht messen sich mit Tulpen. Kleine zarte, himmelblaue Krönchen blicken zu den opulenten lila Kelchen auf.

Dazwischen lachen wir.

Stunden nach dem Lachen liegt die Artischocke im kochend heißen Wasser. Auf dem Teller landet sie zusammen mit Butter und Salz. Wir saugen das zarte Fleisch aus den Blättern. Nach dem Essen liegt ein Haufen ausgelutschter grüner Schiffchen in einer Schüssel. Wir grinsen satt und müde. Ab ins Bett. Ich werde im Stockbett höhenkrank. Julia hört eine alte Frau schnarchen. Sie pfeift, röchelt und schnauft wie ein aufgebrachter Drache.

Am nächsten Morgen ist der Drache noch in der Stadt. Er hat die Flügel ausgebreitet und wirkt bei Tag doch ganz harmlos. Kein Schnaufen und kein Pfeifen. Was die Nacht alles macht.

Tags zuvor haben wir in Lille lachend Vergissmeinnicht und Tulpen miteinander verglichen. In Tournai, so stellen wir fest, ist das betrachten von Blumen eine ernste Sache. Mit Stiften und Clipboards nähern sich Herren mit festem Schritt und Schuh blühendem Gewächs. Es wird notiert und gemurmelt, genickt und begutachtet. Nur die Schönsten bekommen einen Preis. Tulpen, Sonnenblumen, Geranien, Wandelröschen und Husarenköpfe gibt es. An Vergissmeinnicht hat keiner gedacht.

Mit dem Zug durchkreuzen wir das Land. Das Gepäck landet auf dem Rücken und wird geduldig getragen. Der Rucksack ist voll, das Herz ganz leicht. Wir lassen den Zufall Reiseleiter spielen. Er kommt ohne Regenschirm und Mikro aus. Leise zeigt er uns, fast schüchtern, kleine Brücken mit spitzen Türmen, grüne Innenhöfe und reich verzierte Kirchen.


Der Unsinn ist zusammen mit Unterhosen und Büchern mit im Gepäck. Wenn der Rucksack zu schwer wird, lassen wir ihn heraus. Dann setzt er sich auf unsere Köpfe und flüstert Nonsens.

Wenn der Zufall Reiseleiter ist, muss man gut zuhören. Er spricht so leise, nuschelt immer. Wenn man nicht aufpasst, verpasst man das Beste. In Kortrijk sind wir ganz Ohr.


Später spuckt uns der Zug in Veurne aus. Die Stadt ist ein Charmeur. Mittelalterliche Hausfassaden und hölzerne Fensterläden. Breite Pflastersteine und enge Gassen. Doch uns zieht es weiter. Die Sonne knallt vom Himmel. Wir wollen ans Meer. Mit dem Fahrrad. Durch Apfelhaine und Dünen fahren wir bis ans Meer. Das ist grün und stinkt. Wir stapfen durch sandigen Morast. Julia kreischt und bohrt ihre Fingernägel in meinen Unterarm. Unsere Füße versinken im Schlanz.

Am nächsten Tag finden wir den Schlanz wieder. Er hat es sich auch in Antwerpen gemütlich gemacht. Nur stinken tut er hier nicht. Deshalb beachten wir ihn kaum. Christian hat Architektur im Visier. Oder Mistkübel. Das sagt zumindest Julia. Wenn sie das nicht sagt, dann schmiegt sie ihren Kopf an Christians Arm. So viele Mistkübel gibt es in Belgien gar nicht zu Fotografieren. Die meisten sind doch eher gleich. Zum Glück für die beiden. Die beiden, die sich so gern haben. Ganz unspektakulär, alltäglich und ohne aufgeregte Gesten. Wohl gerade deshalb sind die zwei großes Kino.

Gent hat der Schlanz nicht entdeckt. Und das, obwohl es hier viel Wasser gibt. Es windet sich durch die Stadt. Lange Boote haben Touristen geladen. Auch wir lassen uns treiben. Der Fremdenführer auf dem motorisierten Kahn spricht Englisch, Französisch, Flämisch und Deutsch. Manchmal alles zugleich. Er liebt Gent, das versichert er uns im zweistelligen Bereich. Ich kann ihn verstehen. Bunte flämische Häuschen, stille und kühle Kanäle, Schildkröten, die auf den Ästen von Trauerweiden in der Sonne rasten. Menschen auf Mauern, die ihre Füße ins Wasser hängen lassen.

Zurück in Brüssel. Die Stadt glänzt und zeigt am Abend, dass sie ganz groß sein kann. Nicht nur die Lebenskunst und Muße sind hier Zuhause, sondern auch Europa und die Politik. Europa und die Politik vereinen sich in Männern mit dunklen Anzügen und Frauen mit glänzenden Haaren. Die sitzen in schicken Restaurants und formen den Kontinent, während sie Muschelschalen aufbrechen.

Der letzten Abend der Woche riecht nach Bier und aufgeregten Menschen. Cali singt. Französische Satzfetzen fliegen durch die Halle. Wir lassen uns von eingängigen Melodien tragen, von ironischen Texten kitzeln. Wir sind ganz und gar vergnügt.

Bei Sonnenaufgang sitze ich am Bahnhof. Vaarwel! Der Abschied ist leicht. Ich schleiche mich davon, blicke mich nicht um. Diese Stadt wird mich wieder haben.

Im Flugzeug werden die Lider schwer, der Kopf klebt am Fenster. Unter mir flaches Land, vor mir viel Erinnerung. Nochmal Vaarwel! Und bis bald Julia!

Freitag, 10. September 2010

Entschuldigen Sie, ist das Kunst?


Die Kunst ist überall. Wohin ich auch blicke. Vor mir Kunst, hinter mir Kunst. Auf allen Seiten Kunst. Sie besteht aus viel Metall, Kabeln und Elektromotoren. Die Kunst summt, sie fräst, sie wirft um sich.
Die Kunst lebt. Aber nur wenn ich morgens den Stecker in die Dose stecke.
Ich und die Kunst befinden uns auf der ars electronica 2010. Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft. Ich arbeite dort, die Kunst erlaubt es sich vollkommen zweckfrei Raum einzunehmen. Sehr viel Raum. Trotzdem schafft sie es nicht den Ausstellungsort, die Linzer Tabakfabrik, auszufüllen. Zwischen der Kunst befindet sich viel Luft. Die Luft riecht nach getrocknetem Tabak. Beim Betreten des Gebäudes wird mir Tag für Tag schlecht. Der süßliche Geruch unverbrannten Tabaks schlägt auf den Magen.
Die Neonröhren blenden. Sobald ich die Hallen betrete, muss ich die Augen zusammen kneifen. Das gelbliche Licht verschluckt die Stunden.
Jeder Schritt wirbelt Staub auf. Trotzdem geht es hier schon lange nicht mehr voran. Die Tschikbude raucht nicht mehr. Willkommen in der Stahlstadt im dritten Jahrtausend.

Wenngleich sie zweckfrei ist, beansprucht die Kunst dennoch sinnvoll zu sein. Sie muss nicht erheben, nicht ermahnen, nicht erzürnen, nicht erschüttern. Nur eines muss sie jedenfalls, wenn sie ansonsten nichts im Mensch bewirkt: Sie muss verstören. Sie muss Zweifel wecken.
Alles was uns nicht verstört und zweifelsfrei ist, das ist bloßer Alltag.

Der Staub liegt in einer dicken Schicht am Boden. Er dämpft alle Schritte. Ich drehe mich im Kreis. Um mich herum steht Kunst, ich blicke sie an. Langsam nähere ich mich einem der Objekte. Es ist ein Helm, der mit gut zwei Dutzend kleinen Ventilatoren bestückt ist. Manche von ihnen drehen sich. Als ich näher komme, kann ich das leise Summen der Rotationen hören. Ich neige den Kopf, sehe genauer hin. Sieht aus wie eine Requisite aus einem frühen Star Trek-Film. Er sieht aus wie die Krone eines Alienkönigs. Oder wie Lieutenant Uhuras Trockenhaube.
Meine weitreichenden Assoziationen werden jäh unterbrochen.
"Entschuldigen Sie, ist das Kunst?", fragt mich eine Stimme hinter mir. Die Stimme bebt ein wenig. Als ich mich umdrehe blicke ich in ein spöttisches Gesicht. Es gehört zu einem älteren Mann mit grauem Haar und grauem Schnauzer. Seinen runden Körper hat er zur Gänze in Beige gehüllt. Beiger Trenchcoat, beiger Wollpullover, beige Hose. Nur die Schuhe sind dunkelbraun. Er sieht aus wie ein matschiger Erdklumpen.
Ich blicke ihm in die Augen. "Ähm, ist es denn Kunst für Sie?", frage ich.
Der Mann freut sich offenbar über meine Gegenfrage. Seine Augenbrauen schnellen für eine Sekunde in die Höhe und er schmunzelt.
"Das hat doch keinen Sinn!", meint er und nickt dem Helm zu.
"Nun, ja, es ist ein Windrekorder.", antworte ich, davon ausgehend, dass er nach dem Zweck des Helms gefragt hat.
"Aha." Der Mann blickt mich skeptisch an.
"Damit kann man Wind aufnehmen. So wie man Musik mit einem Kasettenrekorder aufnimmt.", erkläre ich.
"Das hat doch keinen Sinn!", wiederholt er in Richtung des Helms. Diesmal klingt es sehr energisch.
"Hat Kunst Sinn?", frage ich ihn.
"Wenn es gute Kunst ist, dann schon. Aber das...DAS ist keine gute Kunst.", meint er abschätzig.
Ich zucke mit den Schultern.

Der Mann geht und lässt mich mit Uhuras Trockenhaube zurück.
Ich blicke auf die kleinen Ventilatoren, die früher zur Kühlung in Computern steckten.
Wann ist Kunst gut? Wann ist sie gelungen?
Die Ventilatoren drehen sich im Kreis.
Ist Kunst gut, wenn sie moralisch ist? Ist Kunst gelungen, wenn sie aufregt? Wenn sie schön ist?

Ich hole tief Luft. Beim Ausatmen muss ich husten und wirble Staub auf. Ich verschränke die Arme hinter dem Rücken und blicke weiter auf den Helm.
Das Neonlicht verschluckt beständig Stunden.
Irgendwann komme ich zu dem Schluss, dass Kunst weder gut noch schlecht, weder gelungen noch missglückt sein kann. Kunst kann nicht mehr sein als wir selbst sind.
Deshalb konnte der Erdklumpenmann nur ein unförmiges Gebilde erkennen.
Für mich ist das Metallgebilde ein Fragengenerator. Ein Stein des Anstoßes. Ein Provokateur. Und irgendwie auch Uhuras Trockenhaube.

Montag, 21. Juni 2010

Algorithmen. Telefonnummern. Altersangaben. Tordifferenzen.


Diese Stunden strahlen hell. Und das, obwohl die Wolken draußen zahlreich und grau sind. Kein Stück Blau wenn man aus dem Fenster schaut. Die Straßen sind nass und glänzen so als ob sie auf einen großen Auftritt warten würden.
Der Blick aus dem Fenster ist die Bühne meiner Tagträume.
Das Heute ist leicht. Es ist leicht und süß wie Windgebäck.
Meine Finger kleben. Ich lutsche Zucker.
Ich schließe die Augen, lasse die Wimpern auf den Wangeknochen ruhen.
Draußen ist es trüb. Ich höre wie die Regentropfen fallen.
Hier drinnen gibt es Licht. Der Deckenfluter erfüllt seinen Zweck. Die Lampe leuchtet gedämpft und mein Herz strahlt. 60 Watt. Soviel schafft die Glühbirne. 60 Minuten Träumerei. Soviel kann mein Kopf.
Das Heute ist aus Zufriedenheit gemacht.

Zwischen meinen Füßen spielt der Kater. Kleine Krallen graben sich in meine Socken und in meine Haut, spitze Zähne bohren sich in mein Fleisch.
Jeder Biss ist wie ein Kitzeln. Schmerzhaft und doch zum Lachen. Seine Hinterpfoten schlagen energisch gegen meine Zehen. Die kleinen Katzenaugen sind geweitet. Blauer Wahnsinn blickt mir entgegen. Entrücktheit als Destillat. Das Maul voll warmem Fleisch, das zuckt. So einfach ist ein Katzenglück.

Ich bücke mich. Meine Hände greifen nach dem weichen Fell. Ich packe zu, mit festem Griff, umschließe den kleinen Körper mit meiner Hand.
Augenblicklich erschlaffen alle Muskeln unterm Katzenfell. Die kreisrunden Augen schließen sich. Das Katzentier ist nun kein Tiger mehr.
Ich hebe den Kater auf, setze ihn behutsam auf meinen Schoß. Ein zaghaftes Miauen, einige Schritte im Kreis, der Versuch den eigenen Schwanz zu jagen, schließlich umfallen, wie ein nasser Sack.
Meine Hände fahren über das weiß-braune Fell, immer wieder. Ein lautes Schnurren ist das Resultat. Ohren, Maul, Rücken, Bauch und Pfoten - alles bebt minutenlang. Die Augen bleiben geschlossen. Und ich sehe dem Kater an, dass er wohl ahnt was das Nirvana ist.
So einfach ist ein Katzenglück.
Nicht nur der Katzenkörper bebt, auch meine Hände vibrieren. Meine Muskeln erschlaffen, die Augen gehen kaum mehr auf. Ich muss mich anstrengen, um noch einmal aufzublicken. Ein kleiner Katzenleib, der sich auf seine maximale Länge gedehnt hat, liegt auf meinem Schoß. Die Hinterbeine sind übereinander verschränkt, die Vorderpfoten dienen als Kopfstütze. Gemütlichkeit ist ein Katzeninstinkt. Ich muss lächeln.

Den Kater schlafen sehen. Dem Schnurren zuhören, das nichts anderes zu sagen hat als: Schau, dieser Moment ist schön.
Im Mund Zucker schmecken. Auf gar nichts warten. Den Regen fallen lassen. Hin und wieder mit den Augen Tropfen jagen im Wissen sie niemals zu fangen.
So einfach ist ein Menschenglück.

Der Mensch ist stolz darauf Mensch zu sein. Der Mensch spricht. Er denkt. Er kombiniert. Er fragt. Er zweifelt. Er formt Worte und die Welt.
Der Mensch kann ziemlich viel und ist in Manchem doch so unbeholfen.
Das Jetzt zu fassen, das fällt dem Menschen schwer. Immer jagt er nach dem nächsten Augenblick.
Der Mensch muss gleich. Er muss gleich gehen. Er muss gleich die Post öffnen. Er muss gleich den Kühlschrank füllen. Er muss gleich den Abwasch erledigen. Er muss gleich den Kontostand überprüfen. Er muss gleich arbeiten gehen. Er muss gleich die Zähne putzen. Gleich muss er.
Die nächsten Minuten drängen sich immer in den Moment.
Der Nachteil eines großen Hirns ist die starke Gedankenfrequenz. Unentwegt rasen Imperative und Fragen durch Nervenstränge zu den Synapsen.
Der Mensch kann sich viele Dinge merken.
Algorihtmen. Telefonnummern. Altersangaben. Tordifferenzen.
An Manches erinnert er sich jedoch nur schwer, wenn Alltagsimperative durch Nervenstränge rasen.
Zum Glück teilt der Mensch diese Welt mit anderen Lebensformen. Mit weichen Fellknäuln, die sich keine Algorithmen, keine Telefonnummern, keine Altersangaben und keine Tordifferenzen merken. Ja, sie ahnen noch nicht einmal was sich hinter diesen Worten verbirgt.
Algorithmen kriegt man nicht zu fassen, Telefonnummern sind geruchslos, dem Alter kann man nicht hinterher jagen und Tordifferenzen kraulen einem nicht den Nacken.
Von dem was wir Welt nennen, wissen Katzen ziemlich wenig.
Dafür kennen sie sich mit dem Momemt aus. Er ist ein Augenzucken, ein Schnurren, ein Seufzen.
Das ist nicht viel und doch schon mehr als ein Menschenverstand meist begreifen kann.

Den Kater schlafen sehen. Dem Schnurren zuhören, das nichts anderes zu sagen hat als: Schau, dieser Moment ist schön.
Im Mund Zucker schmecken. Auf gar nichts warten. Den Regen fallen lassen. Hin und wieder mit den Augen Tropfen jagen im Wissen sie niemals zu fangen.
So einfach ist ein Menschenglück.